
Bastian, Andreas, Julia, Klaus und Yannik Engemann
Der BiolandHof Engemann in Willebadessen
Während viele Familienunternehmen vor der Herausforderung stehen, keine Nachfolger zu finden,
ist die Situation auf dem BiolandHof Engemann in Willebadessen besonders: Gleich vier Vertreterinnen
und Vertreter der nächsten Generation engagieren sich aktiv im Betrieb. Um die Unternehmens-
anteile gerecht und zukunftsfähig zu verteilen, hat die Familie einen ungewöhnlichen Schritt gewagt
und eine Genossenschaft gegründet.
Arbeiten mit Cousins und Cousinen, Eltern und Geschwistern: Was für manche Menschen absolut unvorstellbar ist, ist auf dem BiolandHof Engemann in Willebadessen Normalität. Dort packen zwei Generationen täglich gemeinsam an, kümmern sich um Getreide- und Gemüsehandel sowie die Bewirtschaftung der Felder. Andreas Engemann, der den Hof seit 1988 mit seinem Bruder Klaus führt, schätzt die familiäre Teamarbeit sehr. „Viele Familienunternehmen haben das Problem, keine Nachfolge zu finden“, erklärt er. Die Brüder wollten ihren Kindern jedoch nie Druck machen: „Niemand muss, aber wer mitmachen möchte, ist herzlich willkommen.“ Dass sich vier der sieben Kinder für die Mitarbeit entschieden, war für die Familie ein großes Glück, brachte aber auch neue Herausforderungen mit sich. Die zentrale Frage lautete: Wie lässt sich sicherstellen, dass alle Familienmitglieder, die sich engagieren, das gleiche Mitspracherecht erhalten?
Seit 2024 eine Genossenschaft
Um dieses Problem zu lösen, entschieden sich die Engemanns für einen ungewöhnlichen Weg: Statt eine Firma zu betreiben, in der jedes Kind einen Gesellschafteranteil erhält, wurde einer der beiden Geschäftszweige genossenschaftlich organisiert. „Bei so vielen Beteiligten war uns das Risiko zu groß, dass das Unternehmen in der nächsten Generation auseinanderbricht“, sagt Andreas Engemann. „Unsere Lösung war, eine Genossenschaft zu gründen, in der alle das gleiche Stimmrecht haben – unabhängig vom eingebrachten Kapital.“ Auch der Ein- und Ausstieg weiterer Familienmitglieder ist unkompliziert möglich. 2024 bündelten die Engemanns ihre Vermarktungsbetriebe in einer Familiengenossenschaft. Über diese werden nicht nur eigene Produkte, sondern auch Obst, Gemüse und Getreide anderer regionaler Produzenten vermarktet. Zu den Kunden zählen Hofläden, Biosupermärkte, Naturkostgroßhändler und Mühlen. Die Umwandlung in eine Genossenschaft wurde vom Raiffeisenverband Westfalen-Lippe e. V. und der Volksbank Höxter begleitet. „Als Genossenschaftsbank teilt die VerbundVolksbank OWL eG viele unserer Werte“, berichtet Andreas Engemann. Besonders die Regionalität der Bank ist für die Familie von großer Bedeutung – Kooperationen und Partnerschaften in der Region sind Teil der Unternehmensphilosophie.


Keine Gewinnmaximierung
Bislang sind ausschließlich Familienmitglieder Genossinnen und Genossen. Damit unterscheidet sich die Engemann-Genossenschaft von anderen Agrargenossenschaften, in denen sich meist viele Landwirte zusammenschließen. „Uns ist wichtig, das Ganze erst einmal klein und überschaubar zu halten“, sagt Bastian Engemann, der im Getreidehandel tätig ist. Die genossenschaftlichen Werte prägen den Alltag: Es gibt keine Wertsteigerung beim Verkauf eines Anteils, Gewinne werden nicht ausgeschüttet, sondern reinvestiert. Alle Genossenschaftsmitglieder erhalten ein Gehalt, aber im Vordergrund steht nicht die Maximierung des persönlichen Einkommens, sondern die Förderung des Ökolandbaus. „Das führt zu besonders langfristigem Denken“, so Bastian Engemann. Alle sechs Wochen kommen die Genossinnen und Genossen zur Versammlung zusammen, besprechen persönliche und berufliche Themen, verteilen Aufgaben und Projekte. Die oberste Regel: Jede Meinung zählt gleich viel – unabhängig von Verantwortungsbereich oder Arbeitsumfang.
Verantwortung für Natur, Tiere und Menschen
Die Entscheidungen der Familie dienen nicht nur dem Betrieb, sondern auch dem Schutz der Natur. „Als Bioland-Hof liegt es in unserer DNA, Verantwortung für Natur, Tiere und Menschen zu übernehmen“, sagt Andreas Engemann. Die Erhaltung der Artenvielfalt und der natürlichen Ressourcen hat höchste Priorität. Die Familie verzichtet auf synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel und setzt stattdessen auf natürliche Dünger wie Champignonkompost. Die Fruchtfolge wird abwechslungsreich gestaltet, um die Böden zu schonen. Auch abseits der Felder wird Nachhaltigkeit gelebt: Die Dächer sind mit Photovoltaikanlagen ausgestattet, Regenwasser wird gesammelt und genutzt. „Wir wollen so mit unserer Umwelt umgehen, dass wir noch lange etwas davon haben. Das gilt auch für unsere Beziehungen zu anderen Produzenten“, sagt Andreas Engemann. Für ihn ist ökologische und soziale Nachhaltigkeit die Grundlage allen Handelns – und genau diese Werte will die Familie mit ihrer Genossenschaft stärken, sowohl innerhalb der Familie als auch mit externen Partnern.
